Überseeschränke, Reiseschränke, Schranktruhen

Auf dieser Seite präsentiere ich riesige Schrank-Truhen mit soliden Griffen und Beschlägen. Der blosse Anblick kann Rückenschmerzen verursachen. Die Vielfalt und Verwendungszwecke waren enorm. Klappte man z.B. einen Schrank auf, erschien vielleicht ein kleines Büro, eine Bügelstation im Sinne der Jahrhundertwende oder ein Feldbett. Normalerweise, wie die meinigen, bewahrten die Reisenden damals ihre Kleider knitterfrei auf oder die Knitterigen wurden von den Bediensteten aufgebügelt.

Damals als die reichen Leute oft Monate lang mit ihren Familien und Angestellen unterwegs waren, waren die Kleider und der Hausstand in der Regel in zehn bis 15 Truhen verpackt. Die Art des Reisens war eine andere. Wohl wahr. Die traditionelle Grand Tour durch Europa konnte schon ihre sechs Monate dauern, man zog sich gerne, dem jeweiligen Anlass entsprechend, mehrfach am Tag um. Auch auf Überseereisen sparte man nicht an Gepäck. Die Überseeschränke und Truhen wurden in der jeweiligen Schiffskombüse oder Suite aufgestellt. Die prächtigen Stücke ähnelten dann eher aussergewöhnlichen und zweckmässigenMöbelstücken.

Amerikanische Flachdeckeltruhen – Travel Trunk

Die Amerikaner liebten schon immer aussergewöhnliches. So verpackten sie gerne ihr Reisegut in schmucke Truhen mit verzierten Beschlägen an Ecken und Kanten oder ausgefallenen Schlössern. Die Beschläge schützten natürlich auch die Truhen beim Tragen und Verladen durch die unzimperlichen Träger an Bahnhöfen oder Häfen.

 

 

Europäische Flachdeckeltruhe

Die Flachdeckeltruhen hatten zum Vorteil, dass sie auf Reisen, z.B. im Gepäckabteil, gut aufeinander gestapelt werden konnten. Die untersten mussten ein enormes Gewicht von bis zu zehn gefüllten Truhen ertragen. Die europäischen Reisende bevorzugten eher schlichteres und schnörkelloses Disign beim Reisegepäck.

 

 

Runddeckeltruhen / Buckeltruhe

Die Runddeckeltruhen wurden ursprünglich für Pferdekutsche entwickelt. Die Passagiere hielten sich während der Fahrt im innern auf und die Truhen wurden ausserhalb befestigt. Der Vorteil bei einer Runddeckeltruhe war, dass das Regenwasser abfliessen konnte.

Würzl & Söhne Wien Karlsbad

Die Manufaktur Würzl & Söhne war ein sehr renommiertes Haus der Taschnerei und Kofferfabrikation.
In Österreich waren während der Monarchie die qualitativ hochwertigen Koffer und Reiseaccessoires aus den Manufakturen M. Würzl & Söhne (Budapest, Karlsbad, Wien) und Nigst erste Wahl. Die Produkte waren gediegen und solide in ihrer Ausführung und genossen Weltruf.

1888 wurde die Firma durch die allerhöchste Anerkennung des Kaisers Franz Joseph und seiner Sisi ausgezeichnet und 1898 wurde ihnen der Titel eines K.u.K. Hoflieferanten verliehen; sie durfte sich nun „K.u.K. Hof-Reiserequisiten und Lederwaren-Fabrik“ nennen. Ferner erhielt die Firma 1900 den persischen Hoflieferantentitel und 1902 auch den für Griechenland durch König Georg.

Die Truhen, Koffer, Schränke und Lederkoffer von Würzl waren um die Jahrhundertwende konservativ in ihrer Ausführung, da die Kundschaft der österreichischen und englischen Aristokratie vom Geschmack her eher geradlinig und zurückhaltend waren.
Das Ende der Monarchie bedeutete das Ende für M. Würzl & Söhne.
Das Geschäft und renomierte Manufaktur der Firma Nigst im 1. Bezirk in Wien am Hohen Markt, schloss vor einigen Jahren für immer ihre Pforten.

Nr. 21, Würzl & Söhne Wien Karlsbad

Nr. 21, Würzl & Söhne Wien Karlsbad

Nr. 21, Würzl & Söhne Wien Karlsbad

Nr. 21, Würzl & Söhne Wien Karlsbad

Saratoga Travel-Trunk

Die Saratogas wurden von ca. 1870 bis 1910 hergestellt.

Es wird gemunkelt, dass diese Art Truhen ursprünglich in Frankreich entwickelt wurden.
In der Zeit der Emigrationen hat bestimmt der eine oder andere Franzose dieses Handwerk mit nach Amerika genommen.
Jedenfalls wurden solche Modelle in Amerika sehr populär.

Die Steamer- oder Travel Trunks sind mit Holz aufgebaut und die äussere Ansicht wurde mit gestanztem Metall verkleidet.
Das metallene Cover gab es in etlichen Mustern, zb. Floral, Muschel, Krokodil, Reptil oder sonstige grafische Muster.
Speziell geformte Beschläge über Ecken und Kanten dekorieren die Truhe zusätzlich. Oft sind auch die Schlösser von besonderer Schönheit.

Je reichhaltiger das Äussere mit speziellen Beschlägen und Nieten gestaltet wurde, umso höher war der Neid von anderen reisenden. Dies wiederum ermutigte dazu, dass neue und fantasievollere Saratogas kreiert wurden .

Mit diesen Saratoga-Trunks reisten die wohlhabenden Amerikaner u.a. nach Saratoga Springs (daher der Name), ein edler Kurort nördlich von New York, dort genossen sie Badekultur und Pferderennen.
Andere benutzten diese speziellen Steamer Trunks für Überseereisen im Dampfschiff, daher der Name Steamer Trunk.

Maharaja Tukajiraro Holkar of Indore

Im Jahre 1890 wurde in der 13. Generation der Maharaja Tukajiraro Holkar aus Indore, einem wohlhabenden Staat in Zentralindien, geboren. Breits 1903, im Alter von 13 Jahren, wurde er zum Maharaja erkoren. Sein Titel; H.H. Maharajadhiraja Raj Rajeshwar sawai Shri Sir Tukojirao III Holkar YIII Bahadur of Indore. Er regierte 23 Jahre bis 1926.

Maharaja Tukojirao Holkar war ein Ästhet, bekannter Kenner und Sammler von Edelsteinen. Sein Besitz von unzähligen Steinen und Schmuckstücken machten ihn unvorstellbar wohlhabend. Er besass die edelsten, bekanntesten und grössten Edelsteine und einer seiner europäischen Designer, Chaumet, kreierte die schönsten Schmuckstücke. Es wurde auch gemunkelt, dass Tukajiraro Holkar den Schmuck mit staatlichen Geldern von Indore finanzierte.

Seine First Maharani (Heirat 1895!) und Second Maharani (Heirat 1913) gebaren ihm einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn wurde 1926 zum 14. Maharaja ernannt und die Tochter starb 1936 an Tuberkulose.

Seine dritte Frau, Ann Nancy Miller, geboren 1907 in Seattle USA, studierte um 1927 an der Luzerner Hochschule Philosophie.
Tukajiraro Holkar reiste oft nach Europa, unter anderem auch nach Luzern. In der Zeit lernen sich die beiden in Luzern kennen und verliebten sich ineinander.
Damit die Ehe vom 12. März 1928 anerkannt wurde, konvertierte Nancy zum Hinduismus und bekam den Namen; Maharani Shrimant Akhand Soubhagyavati Sharmishtha Devi Mai Sahiba.

Nach der Hochzeit lebten sie in einem Schloss in Saint Germain-en-Laye, in der Nähe von Paris, und genossen in gehobener Gesellschaft ein glamouröses Leben.
Sie gebar vier Töchter.

Tukajirao Holkar starb 1978 und Nancy 1995.

Den Reiseschrank erwarb ich im Entlebuch. Ich holte an einem Sonntag den Schrank ab. Das Navi führte über Strassen, dann Strässchen die immer schmaler und steiler wurden.
Der Schrank war tief im hintersten Keller verstaut und schaute bedenklich aus, zudem miefte er. Der schlichte und wortkarge Vorbesitzer liess mich nicht auf die Idee kommen nachzufragen, woher er den Schrank hätte.

Zu Hause stellte ich diesen auch in die hinterste Ecke des Kellers und vergass ihn für Monate. Bei der ersten Betrachtung entdeckte ich die Zahl 27 auf dem Schrankdeckel, das machte mich stutzig. Das bedeutete, dass der Reisende mit mindestens 27 Schränken reiste. Auf der Frontseite entdeckte ich dann den Namen des Besitzers, Tukajiaro Holkar of Indore. Sofort googelte ich und war fasziniert von der Geschichte. Am Schrank klebt ein Schiffspassage-Kleber und an der Unterseite ist ein Kleber mit dem Ziel Luzern angebracht, was die Geschichte glaubwürdig macht.

Der Schrank ist auch von edler Herkunft. Es fallen sofort die massiven und grossen Messingbeschläge und Schloss auf. Auf dem Schrankdeckel ist ein Metallsignet mit der Aufschrift „Old England Paris“. Dieser Name führt zu einem der luxuriösesten Geschäften von Paris mit britischen chic. Das Klientel damals schätzte die feinen Kleider aus bester Seide, Wolle oder Cashmere. Hier konnten auch Schuhe, Taschen, Überseeschränke, Truhen und anderes Accessoir erworben werden.

Das Geschäft schloss 2011 leider seine Tore.

Mädler Patent

Man sah oder sieht sie oft, die Mädler-Patent-Koffer.
Typisch für die Mädler-Koffer sind die Holzriemen (Bugholz) rund um den Koffer wie auch der Anstrich mit den speziellen braun-Tönen und dem schwarzen Zier-Strich den Holzriemen entlang.

1850 wurde das Koffergeschäft Mädler in Wurzen gegründet. Die Geschäfte entwickelten sich gut und ab 1889 noch besser, als die Firma Mädler offiziell „Königlich Sächsischer Hoflieferant“ wurde.

1886 wurde in Leipzig-Lindenau die Koffer- und Taschen-Fabrik gebaut. Hervorragende Qualitätszeugnisse führten die Firma sehr schnell zu Weltruhm. Taschen und Lederwaren des Unternehmens Mädler erlangten höchstes Prestige.

Ab 1900 bauten die Mädler‘s emsig.
1900 das Leipziger Mädlerhaus,
1902 die Villa Mädler,
1908 das Mädlerhaus in Berlin und
1911 die Mädler Passage in der Leipziger Stadtmitte.
Alle Häuser waren oder sind architektonisch bemerkenswerte Gebäude.

Generationenwechsel und Krieg schwächten die Geschäfte, aber die Firma Mädler betrieb noch bis nach dem 2. Weltkrieg in Offenbach den Ausbau ihrer Geschäfte. Im Laufe der Jahre eröffneten sie 16 Filialen in der Bundesrepublik, sowie Geschäfte in Wien, Zürich, Basel, Stockholm, Amsterdam und New York wie auch in Südamerika, Südafrika.

1984 war der Konkurs der Firma Mädler.

 

Mädler Monopol

Die anderen Truhen-Modelle aus der Mädler Manufaktur, typisch mit dem blaugrauem äusseren und den markanten Messing-Nieten, waren eher stabilere Reisebegleiter. Auch diese Modelle wurden in allen möglichen grössen hergestellt. Das Modell mit dem abklappbaren Vorderteil wurde an der Weltausstellung 1910 prämiert. Es hatte den Vorteil, dass man einfacher an die untersten Einsätze herankam.

Nach dem Konkurs der Mädler-Manufaktur gab es doch ein weiterkommen des Mädler Familienunternehmens.
Die Tochter des Edgar Moritz Mädler, STEFANIE MÄDLER, die bei ihm in Deutschland das Handwerk lernte, übernahm nach einigen Wanderjahren in Spanien, Italien und Frankreich den Aufbau der MÄDLER AG am Paradeplatz in Zürich. Zusätzlich führte Sie über mehrere Jahre eine Niederlassung in New York.
STEFANIE MÄDLER verstarb im Jahre 2007. Sie war die letzte erfolgreiche Vertreterin des Familienstammes. Sie zeichnete sich durch Ihre unangefochtene Fachkompetenz, ihre Kompromisslosigkeit in Bezug auf Qualität und Praktikabilität, sowie ihre Zielstrebigkeit aus. Durch langjährige und vertraute Mitarbeiterinnen, realisierte sie die Weiterführung ihrer unternehmerischen Grundsätze auch über ihren Tod hinaus.
Frau GERTRUD BURKHALTER, die STEFANIE MÄDLER über 26 Jahre beruflich begleitet hat, führt heute die Unternehmung mit GABRIELA WIDLER, nach den Grundsätzen von STEFANIE MÄDLER, als Familienunternehmen weiter. Das Traditionsreiche Haus für feinste und exklusive Lederwaren ist im April 2008 vom Paradeplatz in eine charmante kleine Boutique an die Wühre 13, direkt an der Limmat, umgezogen.